Hat Barbershop etwas mit einem Friseurladen zu tun? - Aber ja!
Denn in den amerikanischen Barbershops ist diese Musikrichtung tatsächlich entstanden. Wenn die Wartezeit auf die Haar- oder Bartpflege allzu lang wurde, vertrieb man sich mit Gesang die Zeit. Einer der Wartenden stimmte eine bekannte Melodie an und andere stimmten in spontanen Harmonien ein. Wenn das nicht auf Anhieb klappte, ging die Gesangsgruppe hinter das Haus - zum Holzschuppen - und probierte an den Klängen nach Gehör so lange, bis alle zufrieden waren. Noch heute ist das "Woodshedding" ein unter Barbershoppern gepflegter Brauch, auch wenn inzwischen fast nur nach geschriebenen Arrangements gesungen wird. Immerhin: Notenkenntnisse hatten die Ur-Barbershopper nicht und braucht auch nicht unbedingt, wer heute mitsingen will.
Da Barbershop ursprünglich von Männern gesungen wurde, lauten die Bezeichnungen für die immer beteiligten vier Stimmen Tenor, Lead, Bariton und Bass:
- Der TENOR singt im Barbershop nicht die Melodie, sondern eine funkelnde oberste Stimme.
- Der LEAD ist die führende Stimme und hat meistens die Melodie.
- BARITON ist die Stimme, welche die Lead-Stimme umspielt. Böse Zungen behaupten, dies sei die "Reststimme", die den Akkord vervollständigt. In neueren Arrangements erscheint sie aber zunehmend als "Neben-Melodie".
- Der BASS ist das Fundament des Barbershop-Gesangs und die tiefste Stimmlage.
Barbershopper sind versessen auf den "Lock and Ring", den erweiterten Klang, der entsteht, wenn die gesungenen Töne perfekt miteinander harmonieren und der Raum mitzuschwingen scheint. Das kann physikalisch über die Obertonreihen der gesungenen Töne erklärt werden. Vor allem aber ist es ein körperlich spürbares Erlebnis - und das hat Suchtpotential!
Typisch für den Barbershop-Gesang ist im Gegensatz zu anderen Chören auch die Show, denn die Lieder werden lebendig präsentiert, durch passende Bewegungen und Mimik bis hin zur ausgearbeiteten Choreografie aufgewertet. Das geht natürlich nur, weil grundsätzlich ohne Notenblätter in der Hand gesungen wird. Barbershop macht einfach Spass - den Hörern wie den Sängern.
Und noch etwas ist ganz besonders am Barbershop: Wir lieben den freundschaftlichen Wettbewerb. Dabei werden durch mindestens je zwei Wertungsrichter die Kategorien "Singing", "Musicality" und "Performance" bewertet. Die Richter sind über mehrere Jahre ausgebildet, zertifiziert und werden auch laufend weitergebildet. Dadurch entsteht - bei aller Subjektivität der menschlichen Beurteilung - ein sehr konsistentes und weltweit vergleichbares Ergebnis, das den Chören und Quartetten zeigt, wo sie Stärken entwickelt haben und wo noch Verbesserungen möglich sind. Im Publikum sind dabei regelmäßig viele andere Gruppen. Dass sie mit den jeweils Aufführenden konkurrieren, tut ihrer begeisterten Unterstützung jedes Auftritts keinerlei Abbruch. Jeder gibt auf der Bühne sein Bestes, und jeder im Raum feuert dabei enthusiastisch an!
Barbershop wird nicht nur im Mutterland USA gesungen, sondern inzwischen auch weltweit. So findet man Barbershop-Verbände in englischsprachigen Ländern wie Großbritannien, Australien oder Neuseeland, ebenso aber auch in Spanien, den nordischen europäischen Ländern (mit Schweden als Schwerpunkt), in den Niederlanden, Japan - und seit über 30 Jahren auch in Deutschland. Hier wird die große deutsche Chorlandschaft mit “Close-Harmony-Klängen” noch reicher gemacht.
Und auch nach einem Barbershop-Konzert gibt es einiges zu bestaunen: Barbershopper pflegen den schönen Brauch des “Afterglow”. Dieses “Nachglühen” ist ein geselliges Beisammensein, bei dem - in völlig zwangloser Form - noch viel gesungen, geredet und gelacht wird. Man kennt sich in Barbershop-Kreisen gut und sorgt für regelmäßigen Austausch. Auch mit anderen Chorverbänden im In- und Ausland!
Aktualisierte und erweiterte Fassung unserer Freunde vom Münchner Barbershop-Chor "Herrenbesuch"